Das Potenzial nachhaltiger Finanzierungen für Kommunen und kommunale Unternehmen

Gastbeitrag für das Sustainable Finance Bulletin der DZ Bank


September 2021

Der Markt für Sustainable Bonds wächst weiter, das weltweite Volumen für nachhaltige Anleihen umfasst 2021 nach Angaben der Climate Bond Initiative bereits 1.237 Mrd. USD. Wie können Kommunen diesen Trend für sich nutzen und von diesem Finanzierungsinstrument profitieren?

Kommunen stehen vor ökonomischen und nachhaltigen Herausforderungen

Laut Schätzungen der Vereinten Nationen wird bis 2030 voraussichtlich 60 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben, sodass der Bedarf nach Wohnraum, öffentlichen Transporteinrichtungen sowie Wasser-, Strom- und Abfallbeseitigungsinfrastrukturen zunehmen wird. Durch Investitionen in klimaschonende und klimaresistente Maßnahmen können sowohl städtische Infrastruktur gefördert, als auch Klimaprobleme gelöst werden. Zusätzlich stehen deutsche Städte und Kommunen vor der Herausforderung, dass der bestehende Investitionsrückstand durch die Corona-Pandemie weiter gestiegen ist, was den Fremdfinanzierungsbedarf künftig erhöht. Die von der Bundesregierung veröffentlichte Sustainable-Finance-Strategie sieht zusätzlich vor, den Dialog mit Kommunen zu erhöhen. Dabei soll thematisiert werden, ob der öffentliche Auftrag und die Gemeinwohlorientierung entlang von Nachhaltigkeitszielen durch die Länder aktualisiert und ggf. konkretisiert werden sollten.

Nach Informationen des KfW-Kommunalpanels aus dem Jahr 2019 fehlen schätzungsweise 159 Mrd. EUR, um das heute als erforderlich und angemessene Ausstattungsniveau der Kommunen zu decken. Die Anpassung an den Klimawandel ist dabei zum Teil noch nicht berücksichtigt. Extremwetterereignisse wie zuletzt in Nordrhein-Westfalen verdeutlichen die Dringlichkeit der Thematik und die wichtige Rolle, die Kommunen dabei spielen, einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Die Kommunen stehen daher einerseits vor der Herausforderung, den Investitionsbedarf für eine klimafreundliche und klimaresistente Infrastruktur zu decken und andererseits Klimaziele zu definieren und Klimakonzepte zu entwickeln.

Um Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel und zur Förderung des Gemeinwohls zu finanzieren, können Kommunen nachhaltige Anleihen (engl. Sustainable Bonds) emittieren. Hauptmerkmal im Vergleich zu konventionellen Anleihen ist dabei die Zweckgebundenheit der Mittelverwendung: Die Finanzierung von sozialen und/oder ökologischen Projekten.

Nachhaltige Anleihen als Mittel zur Förderung von sozialen und ökologischen Projekten

In Europa wurden zu Beginn des Jahres 2018 Emissionen von Kommunen und Unternehmen im Staatsbesitz in Höhe von 24,9 Mrd. EU emittiert. Staaten und lokale Regierungen platzierten Emissionen im Wert von 20,7 Mrd. EUR. Potentielle Verwendungs-bereiche bei kommunalen, nachhaltigen Anleihen liegen in den Themenbereichen: erneuerbare Energien, umweltfreundliche Gebäude und bezahlbarer Wohnraum, sowie Wasserwirtschaft und sauberer Transport (Abbildung 1). [1] Als erste Stadt nutzte Göteborg (Schweden) dieses Instrument zur Finanzierung von Wasserfiltern, Biogasanlagen und Elektro-Autos für die Verwaltung und städtische Firmen. Als erste deutsche Kommune nutzte die Stadt Hannover im Jahr 2018 einen grünen und sozialen Schuldschein zur Schaffung von Wohnraum für Geflüchtete und zur Reduzierung von CO2-Emissionen.

Abbildung 1: Sektoren der europäischen Emissionsverwendung von kommunalen Anleihen (CBI 2018)

Was die Verwendung von Green oder Social Bonds für Kommunen (und kommunale Unternehmen) so interessant macht ist: In den bestehenden Aufgabenfeldern können geeignete Projekte mit Umwelt- oder Sozialnutzen relativ leicht identifiziert werden. Kommunen können aus einer Vielzahl von Themenbereichen relevante nachhaltige Projektkategorien abgeleitet werden. Im Fall der von imug rating mit einer SPO begleiteten sozialen Anleihe der Stadt München wurden beispielsweise Projekte zur Sicherstellung von bezahlbarem Wohnraum für einkommensschwache Haushalte und der Zugang zu Schul- und Berufsbildung finanziert und gefördert. Der Green Bond des Landes Baden-Württemberg vom Frühjahr 2021 finanziert energieeffiziente Neubauten, die Förderung kommunaler Breitbandinvestitionen, sowie waldbauliche Maßnahmen. Dabei sollen Wälder klimaresistenter gemacht werden und deren Aufforstung zum Klimaschutz beitragen.

Wichtige Faktoren auf dem Weg zur nachhaltigen Anleihe

Um die zielkonforme Mittelverwendung der Projekte nachzuweisen, erstellen Emittenten ein Rahmenwerk für die nachhaltige Finanzierung. In diesem weisen sie die zu finanzierenden Projektkategorien und den jeweiligen Umwelt- und/ oder Sozialnutzen aus. Für die Erstellung eines Rahmenwerkes ist die Informationsbeschaffung und der Austausch mit relevanten Akteuren und Abteilungen der Kommunen von entscheidender Bedeutung. Diesbezüglich müssen Kapazitäten geschaffen, Prozesse etabliert und Dokumentationspflichten sichergestellt werden. Sind die notwendigen Prozesse und Verantwortlichkeiten geschaffen, sowie relevante Informationen eingeholt, sind darauffolgende Emissionen durch die bereits erfolgte Entwicklung des Rahmenwerkes leichter umzusetzen. Im Zuge der Konzeption und Vorbereitung entsteht ein interner Erkenntniszuwachs und die Einsicht in Verbesserungspotentiale durch die Auseinandersetzung mit einem externen Gutachter. Auf einer übergeordneten Ebene liefert jede neue grüne Emission einen positiven Beitrag zur weiteren nachhaltigen Entwicklung des Finanzmarktes und unterstützt somit das Ziel einer langfristig global nachhaltigen Wirtschaftsweise.  Die Kommunen sind darüber hinaus den Kapitalgebern gegenüber zur Rechenschaft verpflichtet und müssen nachweisen, dass die eingesammelten Gelder auch tatsächlich die identifizierten Projektkategorien und den definierten Umwelt- und/oder Sozialnutzen (re-)finanziert haben.

Unabhängige Prüfer wie etwa Nachhaltigkeits-Ratingagenturen stellen die Konformität der freiwilligen Leitlinien (ICMA, CBI) zu Prozess- und Transparenzanforderungen von nachhaltigen Anleihen sicher. Sie tragen dadurch zu Transparenz und einer stärkeren Glaubwürdigkeit von Sustainable Bonds bei. Bis 2020 entsprachen 99 Prozent der in Europa begebenen, nachhaltigen Emissionen den Standards der ICMA.

Großes Chancenpotenzial kommunaler Finanzierungen

Mit der Emission von nachhaltigen Anleihen können kommunale Emittenten, die insbesondere Projekte mit einem sozialen oder ökologischen Mehrwert finanzieren möchten, einen positiven Beitrag leisten und gleichzeitig von der zunehmenden Nachfrage von Investoren nach entsprechenden Anlagemöglichkeiten profitieren. Die Emittenten erzeugen mit der Ausgabe einer nachhaltigen Anleihe/Schuldschein zudem eine Diversifizierung ihres Investorenkreises. So konnten bei der „Münchener Stadtanleihe“ auch Privatanleger*innen Anteile der nachhaltigen Emission erwerben, ca. 20 Prozent der Investorenbasis haben mit ihrer Kapitalanlage somit auch gleichzeitig ihr bürgerliches Engagement für die eigene Stadt zeigen können. Des Weiteren wird im Vergleich zu konventionellen Anleihen der Finanzierungsmix der Stadt ausgewogener, nicht zuletzt entsteht eine Verknüpfung der Finanzmittel mit politischen Nachhaltigkeitszielen. Second Party Opinions, die entsprechende nachhaltige Emissionen unabhängig begutachten, schaffen dabei die notwendige Glaubwürdigkeit am Finanzmarkt und Transparenz bei Investoren. Nicht zuletzt geht es hierbei aber auch um die Berücksichtigung bereits bestehender künftiger politischer Vorgaben und die Antizipation angekündigter aufsichtsrechtlicher Regulierungen. Es gibt somit viele gute Gründe, über nachhaltige Finanzierungsinstrumente nachzudenken. Eine rechtzeitige proaktive Beschäftigung mit dem Thema „Sustainable Finance“ ermöglicht kommunalen Emittenten und Kreditnehmern, sich im eigenen Tempo und zu eigenen Bedingungen gründlich mit dieser wichtigen Entwicklung vertraut zu machen.


[1] Filkova, M., Frandon-Martinez, C., Meng, A. & Rado, G. (2018): THE GREEN BOND MARKET IN EUROPE. (Hrsg.): Climate Bond Initiative, S. 5


Dieser Beitrag erschien zuerst im Sustainable Finance Bulletin der DZ Bank (Ausgabe 08/2021).


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